Gottesdienst 09.12.18

‚Ich glaub‘ daran, dass die Sterne, die wir sehen all jenen den Weg leuchten, die einmal von uns gehen. Ich glaub‘ daran, dass ihr Licht vom Himmel scheint, die wir lieben dort zu Haus sind; sie selig sind und frei.‘
Tut gut, wenn du diesen Glauben vorgesungen bekommst und du dir sagst: „Ja, das will ich auch glauben. Das hoffe ich auch“. Wie oft hast du im Dunkeln in den Himmel hinaufgesehen, wo für dich dein Kind weiterlebt und gut aufgehoben ist?

Ein tröstlicher Gedanke in der schmerzenden, rufenden Seele; die Seele, die sich nach dem Unglück dunkel verfinstert hat und leblos ausgetrocknet ist. Jede Lebensfreude ist verschwunden, alles sinnlos geworden von einem Tag auf den anderen.
Jedes Wort von außen – nur nichtiges Geschwätz.  Funktionieren! Funktionieren hält einen noch am Leben, lenkt für kurze Moment ab – funktionieren in der Familie, im Beruf. Tränen zurückhalten, bis du wieder allein bist zu Hause, am Grab, draußen in der Natur, wo es niemand sieht und hört.
Da ist gerade nichts, was hilft und was helfen könnte. Dein Kind ist weg, niemand kann dir den Liebling zurückbringen, obwohl du hoffst: ‚Hoffentlich geht bald die Tür auf und mein Kind kommt herein und alles ist wieder gut.‘ – Aber vergeblich.  
Das aber ist kein Leben. Das Kind kommt nicht wieder zurück. Du wirst warten müssen und solange leben, bis ihr im Himmel wieder zusammenkommt.  

„Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht! Vertraut Gott und vertraut mir. In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, würde ich dann zu euch sagen: ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten? Gehe ich aber hin, euch eine Wohnung zu bereiten, wo werde ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Den Weg, den ich gehe, den wisst ihr“. Mit diesen Worten lindert Jesus im Johannesevangelium den Trennungsschmerz der Zurückbleibenden.
Im Himmel sind viele Wohnungen.

Du hörst diese Worte, du hörst Lieder, in den gesungen wird: ‚Ich würd‘ dich gerne besuchen. Und halt‘ dich fest, so lang es geht schließ dich in meine Arme und wünsch‘ dir Glück auf deinem Weg‘ oder: ‚Für mich bist du lebendig, wo auch immer du jetzt bist, wenn mein Herz dich heut auch Tränen schwer vermisst. Wir sind ewig unzertrennlich.‘

Worte und Lieder, anfangs wie Samen und kleine Pflänzchen in die Seele gesät und gesetzt und du gießt die Keimlinge mit deinen Tränen; diese deine Blümchen wachsen allmählich heran. Die Blüten – die Worte und Lieder, die dich am Leben halten – erste Farbtupfer in der grauen Seele.

Dein Kind ist gegangen, aber es ist doch nicht verloren gegangen. Es darf und kann wieder mitleben, wenn dein Kummer und Herzweh und das fast ewige „Warum?“ im Laufe der Zeit ein wenig abgeklungen ist und nachgelassen hat.

Du suchst dir dann andere Menschen, die dich verstehen können, erzählst von dir und hörst zu, du lässt dir erzählen, wie deren Trost- und Seelenblumen aussehen und blühen, womit andere sich trösten lassen können.
Du kannst dich erfreuen, was in anderen Trauergärten gewachsen und aufgeblüht ist. Du nimmst den einen oder anderen Gedankensamen mit, pflanzt ihn in deinem Gärtchen ein und sie dürfen dann auch bei dir aufkeimen.

Wieder einige Zeit später gehst du dann doch wieder unter die Leute, hast dir mittlerweile einen Schutzmantel zugelegt, hast bitter gelernt, wen man lieber auf Abstand hält und wem man sich anvertrauen und öffnen kann. Du wirst etwas selbstsicherer und Familienangehörige, Kollegen, Vorgesetzte stellen wieder ihre Ansprüche an dich. Schaffst du das? Das schaffst du schon! Nicht leicht.
Du würdest doch gerne noch länger trauern dürfen und bedauert werden.

Aber mit jeder Aufgabe mehr, die du mit großer Mühe erfüllen kannst, kehrt nach und nach dein Selbstvertrauen zurück. Besser, schöner wird es, wenn du eine für dich wertvolle Aufgabe findest, wo du für andere da sein kannst, wo du gebraucht wirst, mit dem, was du schon immer gut konntest, mit dem, was du auf deinem Weg gelernt hast und nun weitergeben kannst.

Nach Jahren wirst Du dann sehen, wie manche Samen und Pflänzchen gewachsen und gediehen in deinem Garten sind; nicht so groß und bunt wie bei andern, wo kein eisiger Wind darüber gegangen ist, wo die Sonne nicht eine Zeitlang aufgehört hat zu scheinen und zu wärmen, aber immerhin.
Das ist doch was, was nun schön und stolz ist anzusehen.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!
Fürchte dich nicht, dass du dein Kind für immer verlieren könnest. In dir und im Himmel ist es gut aufgehoben.
Fürchte dich nicht, dass deine schreckliche Trauer ewig dauern würde. Es wird nicht nur finster und kalt bleiben, du wirst dich auch wieder an manchem freuen können.
Früchte dich nicht, dass alles sinnlos bleiben würde. Du wirst auch wieder für andere da sein können.

Hab Geduld. Wachstum braucht Zeit.
Wenn eine Pflanze, wenn ein Baum geboren wird, ist er nicht sofort groß.
Wenn er groß ist, blüht er nicht sofort.
Wenn er blüht, bringt er nicht sofort Früchte hervor.
Wenn er Früchte hervorbringt, sind sie nicht sofort reif.
Wenn sie reif sind, werden sie nicht sofort gegessen.

Wachstum braucht Zeit. Fürchte dich nicht und hab Geduld.
Amen

(Predigt im Gottesdienst für verwaiste Eltern am Sonntag, 9. Dezember 2018 in der Ev. Stadtkirche Neckarsulm, Pfr. Jürgen Stauffert)